sandra@engelbrecht.li

Eine Pause vor dem Anfang

Mit einer Schnuregige1.

So endete es.

Es. Die Pause, die meinen Alltag zu einem Eisklumpen aus Schmutzwasser gefror. Damals. Nach Sentas Tod.

Mit einer Schnuregige1. So begann es.

Es. Der Anfang, der meinen Alltag mit Tönen überzog. Melodien so süss wie der Zuckerguss von italienischen Hochzeitsmandeln.

Damals. Nach Sentas Tod.

Wo findet sich der Anfang, wo das Ende? Oft suche ich danach. Es erinnert mich an meine Garnstränge. Hoffnungslos verheddert. Wollknäuel, die ich am liebsten in den Mülleimer werfe, weil sich der Anfang im Gewirr versteckt.

Das Chaos löst sich auf. Dann, irgendwann.

Nachdem mein Bauch schmerzt von den unzähligen Bärentatzen. Der Vorrat an Eisenkraut Tee sich auf ein paar Brösmeli2 in der Dose reduziert. Mein Nacken steif wie eine Stricknadel ist.

Dann, irgendwann. Entknote ich den letzten verschlungenen Faden im schummrigen Licht der Tiffany Lampe.

Das Leben ist ein einziger Kreislauf. Ich werde immer wieder Garn entwirren und mir werden immer wieder Tränen des Verlustes über die Wangen laufen. Es gehört dazu.

Zum Leben.

Felix ist anderer Meinung. Felix ist mein Mann. Und Felix vertritt die These der Begrenzung. Er sammelt Anfänge und Enden. Diese schreibt er in olivgrüne A4 Notizhefter. Drei Franken das Stück, nur die mit Hüselipapier3, seit vierzig Jahren. Auf dem Dachboden, verpackt in Bananenschachteln, stapeln sich lupengrosse Ausschnitte der Welt. Der Völkermord in Ruanda / Aufstieg und Fall des Teebeutels / Die geistige Verarmung der Gesellschaft / Der Dinosaurier und das Ei / John F. Kennedys Tod.

Sentas Tod.

Senta, unsere Hündin, starb und die Stille schlich sich in die Wohnung. In jede Ritze schlüpfte sie.

Diese Stille.

Und stahl uns die Wörter, Felix und mir.

Leberzirrhose. Gicht. Schmerzen. Opi ... was? Ich hörte dem Tierarzt nicht mehr zu, kraulte Senta hinter dem Ohr. Mit eingezogenem Kopf und verklebten Augen spähte sie zu mir hoch. Felix streichelte meinen Rücken. Aus der Kuckucksuhr schoss eine Wachtel und zwitscherte den Flohwalzer. Der Tierarzt fragte mich: „Sind Sie bei der letzten Spritze dabei?“

Am 22. März um 14:15 Uhr hielt ich Senta in den Armen - der Regen versiegte, als sich ihre Rippen nicht mehr hoben und senkten. Meine Augen blieben trocken, nur die Nase juckte fürchterlich und ich nieste von unserem Hauseingang bis zu dem Moment, als ich mich in den Schaukelstuhl fallen liess, unentwegt. Vermutlich die Tränen. Hängen geblieben im Nasengang.

Nach ihrem Tod spazierte ich weiterhin täglich um sechs Uhr morgens und sieben Uhr abends den Fluss entlang. Die Hundeleine lag in meiner Ledertasche. Dort im Spalt zwischen Taschenwand und zerschlissenem Innenfutter. Bei den Trauerweiden legte ich eine Pause ein und fütterte die Stockenten mit Haferflocken. Die frass Senta mir immer aus der Hand. Damals.

Die Stille in unserer Wohnung behagte mir nicht. Ich hörte das Rauschen in meinen Ohren, es erinnerte mich an Sendeschluss und den rieselnden Schnee auf dem Fernsehbildschirm.

Felix wusste, wie gerne ich Echo der Zeit hörte. Bevor Senta zu uns kam. Als sie dann bei uns lebte, bellte sie. Jaulte sie. Bis der Moderator verstummte.

Auf unserem Dachboden, zwischen Blumenkästen aus Eternit und sonnengebleichten Gartenzwergen, entdeckte Felix das deportierte Radio. Es funktionierte nicht mehr. Genau so, wie man Artischocken, vor dem Verzehr, in ihre Einzelteile zerpflückt, legte Felix das Innenleben des Gerätes frei. Ich schaute ihm dabei zu und knabberte Sunnereedli4.

Nach einer Woche warf er den Transformator, die Kabelstränge und Röhren in den Mülleimer. Er holte sein Heft aus der Küchentisch-Schublade und notierte:

Anfang = schwarzes Radio, Marke Blaupunkt, produziert in Bollersdorf bei Berlin, Datum unklar, gekauft 1979, gebraucht auf dem Flohmarkt.

Ende = 4. April 2010, unfachmännische Reparatur durch den Besitzer.

Dann öffnete er sich ein Feldschlösschen Bier, trank direkt aus der Flasche und starrte an die Küchenwand mit der geblümten Tapete. Die Stille frass sich durch die Wände.

Bis zu jenem Bingo-Abend. Ich gewann den Hauptpreis. Eine Mundharmonika. Silbern und schmal. Nach dem Frühstück schob ich die Schnuregige1, zwischen Konfi-Glas5 und Aufbackbrötchen, Felix zu.

Zwei Tage später holte er das Instrument aus dem blauen Samtbeutel. Sein Atem wanderte durch dessen Luftkanal. Er schaute dabei aus dem Fenster. Blechern und scheppernd verwandelte sich die Luft in Töne. Töne, die abrupt abbrachen, um wieder kratzig und zaudernd den Raum zu betreten. Es war sieben Uhr abends, ich nahm die Ledertasche und schlüpfte in meinen Wollmantel.

Als ich nach zwei Stunden die Türe öffnete, stand Felix am Fenster. Die Klänge und Akkorde galoppierten durch die Wohnung, bäumten sich auf, trippelten, verebbten in der Stille.

Eine Stille, die nur eine Pause war.

Eine Pause vor dem Anfang.

Ich nahm die Hundeleine aus der Tasche, hängte sie an den Garderobenhaken „Erna braucht eine neue Hundeleine für ihren Dackel, ich schenke ihr unsere.“ Felix drehte sich um. Nickte mir zu, legte die Mundharmonika an seine Lippen. Die Töne tanzten durch die Luft. Ich setzte mich in den Schaukelstuhl und hörte mit geschlossenen Augen zu.





1 = Mundharmonika

2 = Krümmel

3 = Kariertes Papier

4 = Salziges Basler Buttergebäck in Brezel-Form

5 = Marmeladenglas

Mega bambus Babo

Bevor er abkratzte, nannten wir ihn Babo.
Niemand wusste, wo er wohnte.
Niemand wusste, zu welchen Kids er gehörte.


Der Brauereitumor-Bulle zog die ID aus Babo‘s Flecktarn-Portemonnaie und las uns vor: „Ueli Meier, 21. Dezember 1980.“
„Ueli Meier??? Was isn das für ein Scheiss!“ heulte Maria auf und ich hielt sie auf einmal in den Armen. Roch ihren Atem, der Duft nach Spearmint-Kaugummi. Ich schluckte. Mein Pappmaul. Ihr Körper. Er zitterte wie ein Vibrator.


Skyen.


Als ob ein Dunstschleier aus halluzinogenen Substanzen meinen Gehörkanal vernebelte, hörte ich den Bullen nur noch aus weiter Entfernung: „Ueli Meier ... verdammt, der Sohn des Polizeidirektors.“


Babo.


Auf einmal war er da. Bei unserem Treffpunkt. Der Linde mit dem Parkbänklein, dem Parkbänklein voller Graffiti-Tags, dort wo die Penner in der Nacht hinter die Büsche pissten. Dort wo wir jeden Tag nach Schulschluss abkeimten.
Das erste Mal fragte er nach einer Kippe. Das zweite Mal nach Feuer und beim dritten Mal hatte er schon Augensex mit Maria. Arno war sauer. Haute mit der Faust in seine Fresse, als ob sie weiche Butter wäre. Ein Zahn katapultierte in die Büsche. Die Girls kreischten. Meine Hände schwitzten. Babo duckte sich und zog ruckartig einen Dolch aus seiner Lederjacke. Der Griff war aus Elefantenstosszahn. Präzise wie ein Fleischdesinger schlitzte er Arnos Arm auf. Der blutete wie eine abgeschlachtete Sau und rannte schreiend davon. Er grinste, leckte sich das Blut von den Lippen. „Nennt mich Babo.“ Sein Eckzahn fehlte. Arno tauchte nie mehr bei unserem Parkbänklein auf.


Wir krochen vor Babo wie die Würmer im Dreck. Wir, das waren: Ello mit der Bildschirmbräune und der verrotzten Nase, die er mit dem Ärmel abwischte, Bea das Tinderella-Chick mit dem Blechpickel-Gesicht, Sable die sich mit Joints die Birne zudröhnte, Dani mit dem ständigen Maulpesto, der aber geile Comics auf Bierdeckel scribbelte. Maria. Die Checkerbraut. Und ich. Sirius.


Babo erzählte uns, er wäre noch nicht lange in der Schweiz. Geflüchtet vor den Bullen. Seine Eltern lebten in Sizilien. Seien eine fette Nummer bei der Mafia. „Cosa Nostra, ihr wisst schon: der Pate. Ratatatataaaa“, dabei ballerte er mit einem imaginären Maschinengewehr wild um sich herum. Sable wickelte ihre gulaschblonden Haare um den Finger, schaute sich angeödet die Haarspitzen an und fragte ohne ihn dabei anzuschauen: „Auch deine Alte?“ Da zog Babo einen Kamm aus seiner hinteren Hosentasche, zielte damit auf Sable, als ob er sie abknallen würde, „Ey Tussi, schau mich gefälligst an wenn du mit mir laberst, sonst jage ich dir eine Kugel in dein Clearasil-Testgelände.“ Sable blickte aufgeschreckt hoch, die Haare rutschten von ihrem Finger. Ich spannte meine Muskeln an. Babo stand breitbeinig vor uns, kämmte sich seine pomadisierten Haare nach hinten. „Meine Mamme die ist ober mega bambus“, er steckte den Kamm in seinen Hosensack, leckte den Zeigefinger ab und fuhr sich damit über den Pornobalken. Dann fischte er eine Ziggi aus einem zerknitterten Päckchen, warf sie in die Luft, um sie mit dem Mund aufzufangen. Mit der Kippe im Mundwinkel fügte er an, dass jeder in Palermo sie Würge-Mamme nannte und sogar die Bullen vor ihr kuschten.“ Als ich ihn fragte, weshalb er so gut Baslerdeutsch sprach, meinte er nur, die Mafiosi hätten ihm einen Chip mit ner Schweizerdeutschen Festplatte eingepflanzt. Er saugte an der Kippe, blies mir den Rauch direkt ins Gesicht „Noch nie was von DNA Sprachtool gehört du Nulpe?“


Wir seien elende Penner, meinte Babo immer wieder zu uns. Oxidierten nur und kriegten nix gebacken. In Palermo wäre er mit seinen Kumpels in Villen eingebrochen. Laptops, Stereoanlagen, Klunker, Designer Klamotten. Alles packten sie ein, sogar ein Krokodil. Und ne Menge Kies hätten sie gemacht, davon habe er sich einen Maserati gekauft. Fehlte nur, dass Ello und Dani sabberten, sie hingen an seinen Lippen wie ausgehungerte Flüchtlinge. „Ey, wollt ihr nicht auch fette Schlitten fahren?“ Die Jungs nickten, obwohl sie keinen Fahrausweis hatten. Bea fragte - dabei kratzte sie an ihren Schuppenflechten - ob sie sich mit der Kohle auch ein iPad kaufen könne, Babo verdrehte die Augen, man sah nur sein Augenweiss. Was sei schon ein iPad, ein Muckenfurz, er würde ihr mit der Kohle sogar ein Gesichtstunig bezahlen, damit sie endlich einmal appetitlicher anzusehen war. Bea schaute zur Seite. Ich sah, dass sie ihr Weinen runter schluckte.


Ich dachte an Paps, der nur Sternenbilder durch sein Teleskop anglotzte und Rotwein aus Tetrapacks soff. Ich dachte an Mam, ihre müden Augen, ihre gebückte Haltung. Die vielen ungeöffneten Rechnungen in der Küchenschublade. Vielleicht konnte ich ihr endlich helfen.


Nach Weihnachten, dann, ja dann werden wir absahnen, versprach Babo. In dieser Zeit kippten sich die Bonzen auf den Bahamas Cocktails hinter die Binden und er Babo wisse auch, wie man die Alarmanlagen ausschalten könne, schliesslich hätte er das Gangsta-Wissen mit der Euterbowle eingesogen.


Kurz vor Weihnachten.


Der Schnee lag wie ein feine Koks-Spur auf der Erde. Wir standen gebückt um das Parkbänklein. Kompostierten. Unser Atem dampfte in der Atmosphäre. Babo verschwand mit Maria hinter die Büsche. Dort hinter die Büsche, wo die Penner immer hin pissten. Ich schaute ihr nach. Sie schaute zurück. Mir direkt in die Augen. Bevor er sie hinter die Büsche zerrte. Ihre Augen: weit aufgerissen.


Ich hörte Maria. Wie sie schluchzte.
Ich hörte Babo. Wie er schnaufte.
Sable kiffte.


Ello gamte.


Bea tinderte.


Dani scribbelte.
Ich rannte.


Hinter die Büsche. Stiess Babo weg. Hieb meine Faust:


In seine Brust.


Auf seinen Kopf.


In seine Fratze.
Immer wieder.


Er torkelte rückwärts. Stürzte. Mit dem Kopf. Auf einen Stein. Maria schrie. Die Anderen rannten zum Parkausgang. Maria weinte. Das Blut quoll über den Stein. Sickerte in die weisse Pulverschicht, in die Erde.


Es war ein Unfall.


Ich schwöre.


Der Bulle sah mich an, zog eine Augenbraue nach oben. „Kapier doch Junge. Der Sohn des Polizeidirektors!“


Eingetrocknetes Blut an meinen Knöcheln.


Am 21. Dezember. An Ueli Meiers Geburtstag. Am Tag der fucking Wintersonnenwende.



Mega bambus = voll krass
Babo = Chef
Brauereitumor = Bierbauch
Pappmaul haben = einen trockenen Mund haben Skyen = auf Wolke sieben schweben
Abkeimen = sich treffen
Augensex = starker Blickkontakt
Fleischdesigner = Chirurg
Bildschirmbräune = blasse Haut eines Computerfreaks Gulaschblond = rothaarig
Blechpickel = Piercing
Maulpesto = übler Mundgeruch
Checkerbraut = sehr intelligente Frau


Clearasil-Testgelände = Gesicht mit vielen Pickeln


Pornobalken = Oberlippenbart
Oxidieren = chillen
Kompostieren = gammeln
Tindern = die Dating App Tinder benutzen


Gesichtstuning = Schönheitsoperation
Euterbowle = Muttermilch

Alchemie der Leidenschaft

Ene mene meck,

und Du bist weg:

 

Leonora.

 

Ich hasse meine Tochter Leonora. Sie, die nie ihre Achselhöhlen rasiert. Nach abgestandenem Rauch und Essiggurken riecht. Ihren dicken Hintern nicht hochbekommt und tagelang im abgedunkelten Zimmer sitzt, um bunte Törtchen in sich hinein zu stopfen. Ihre klebrigen Fingerspuren hinterlässt sie überall im Haus. Könnte ich, würde ich sie wie einen Müllsack vor die Türe stellen.

 

Kommen meine Freundinnen auf eine Partie Poker zu mir, sage ich: Leonora, bleib im Zimmer, von deinem Anblick wird uns schlecht. Sie knallt die Türe zu und lässt ihre Stereoanlage so laut wummern, dass der Bass die Weingläser im Geschirrschrank erzittern lässt. Manchmal höre ich sie auch weinen, dann fühle ich mich schlecht. Meine Freundinnen schauen mich mitleidig an und ich schenke mir ein weiteres Glas Champagner nach.

 

Ich war aus meinen Kinderschuhen gewachsen, als ich Leonora aus meinem Schoss presste.

 

Wie, wa, wu und raus bist Du.

 

16 war ich.

 

 

Hasenspeck und Hasendreck,

und du bist weg:

 

Patrick.

 

Ich hasse meinen Mann Patrick. Er, der nie zu Hause ist. Mal in Berlin. Mal in Wien. Mir die Wange tätschelt, als wäre ich ein lahmer Bierkutschen-Gaul, dabei tröstend meint: Bald werde ich wieder oft zu Hause sein, Schatz. Versprechen die sich wie sein Zigarren-Rauch in der Luft auflösen. Ein schaler Geschmack bleibt zurück.

 

Von seinen Reisen bringt er Geschenke mit. Schillernd verpackt sind sie. Erlesene Schmuckstücke. Er schiebt sie mir, über die blank polierte Mahagonitischfläche zu, faltet die Zeitung auf und liest darin. Die Zeitung verdeckt sein Gesicht, nur das schüttere Haar ist zu sehen. Ich reisse die Verpackungen auf, und schenke mir ein weiteres Glas Champagner nach.

 

Ich wollte Patrick nie heiraten. Das Kind in deinem Bauch muss einen Vater haben, meinte meine Mutter. Der Flegel soll gefälligst für den Unterhalt sorgen, meinte mein Vater.

 

 

 

Ritze Rotze Ringelratz,

Mietzekatz, dann gings ratz, fatz.

 

Ich heiratete Patrick. Damals noch mein Deutschlehrer. Heute ein Bestsellerautor. Schreibt Bücher über glückliche Ehen, über Bilderbuchfamilien.

 

 

Eine kleine Haselmaus

zog sich mal die Hosen aus,

zog sie wieder an

und du bist dran:

 

Roberto.

 

Ich begehre Roberto. Er, der mir die Augen verbindet und meinen Körper mit Rosenöl einreibt. Mir frisch aufgebrühten Kaffee ans Bett bringt und mich mit kandiertem Ingwer füttert. Aus Faust vorliest und Margeriten ins Haar flicht.

 

In schwülen Sommernächten legen wir uns nackt auf die Terrasse, in eine Hängematte. Erzählen uns von unseren Hoffnungen und Ängsten. Halten uns fest, schwören uns ewige Treue. An frostigen Winterabenden liegen wir nackt vor dem Kamin, auf einem Flickenteppich. Erzählen uns von unseren Wünschen und dunkelsten Gedanken. Halten uns fest, schwören uns ewige Treue.

 

Hinde, Hande, Hundekuchen

Einer von uns wird gleich fluchen.

 

Alchemie der Leidenschaft. Wann verwandelt sich mein Begehren in Hass? Noch brauche ich Roberto. Um meine Innere bodenlose Leere zu füllen.

 

Roberto.

 

Der Lehrer meiner Tochter.

Vergangen

Kein Licht brannte.

Sie kam nach Hause.

Hängte ihren Mantel an die Garderobe.

Es roch.

Nach Zigarettenrauch.

Kaltem.

Sie ging in die Küche.

Schaltete das Licht ein.

Auf dem Tisch lag eine Notiz.

Neben einer leeren Bierflasche.

Sie rannte.

Ins Schlafzimmer.

Riss die Schranktüre auf.

Kleiderbügel, Regale – leer.

Sie setzte sich aufs Bett.

Weinte.

Ein letztes Mal

Erdbeereis tropft.


Verschmierter Kindermund -


der letzte Sommertag.


Om Shanti

Ich nahm die verdorrten Nelken aus der Vase und hielt sie in der Hand. Sie rochen nach Moder und Verwesung. Das stinkende Blumenwasser tropfte auf meinen Schuh, frass sich in das Wildleder. Der Fleck wuchs organisch und verteilte sich über die Schuhspitze.


Grossmama hatte sich die Zeitung von gestern unter die Knie gelegt. Sie zupfte vornübergebeugt das Unkraut vom Grab. Ich stand hinter ihr. Schaute auf meine Schuhspitze und dann wieder auf ihren Rücken. Das schwarze, selbst gestrickte Jäckchen war am Saum vom vielen Waschen ausgeleiert. Am liebsten würde ich über ihre knochigen Schultern streicheln. Flüstern. Sch, sch... alles wird gut. Dann würde sie mich fragend anschauen und ich hätte keine Antwort. Ich liess es bleiben. 


Ihre Hände, die mich an welke Blätter erinnerten, gruben sich in die trockene Erde. Ein Unkraut nach dem anderen warf sie auf den Kieselsteinweg neben dem Grab.


Die Mittagssonne wärmte meinen Nacken. Ich schaute auf die Nelken, sie waren mit einem Geschenkband zusammengeschnürt. Als ich aufblickte, sah ich Mama von Weitem. Um ihr weizenblondes Haar hatte sie einen weissen Turban gewickelt. 


„Du siehst ja aus, wie ein Taliban.“, sagte ich vor einigen Jahren zu ihr, als sie sich das erste Mal ein Tuch um die Haare schlang. Grossmama kicherte, dabei hielt sie sich die Hand vor den Mund. Mama schrie uns an. Wir seien untranszendierte Erdenwürmer, endlich hätte sie die Scheisse hinter sich gelassen und wir zogen sie wieder hinunter. Sie sprach erst wieder mit mir, als ich ihr einen Rosenquarz schenkte, der mich ein Vermögen gekostet hatte.


Obwohl Mama eine Giesskanne trug, schwebte sie feengleich zwischen den Grabreihen hindurch. Ihr weisses Kleid bauschte sich in der milden Brise auf und erinnerte mich an die luftigen Meringues, die Grossmama früher selber buk.


Grossmama streckte den Rücken durch. Mit dem Handballen wischte sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Zurück blieb eine dünne Spur Dreck. Ich widerstand dem Impuls, mir auf die Finger zu spucken, um ihr die Stirn zu säubern, so wie sie es früher mit mir machte. Auf dem Trottoir. Mit feuchten Fingern die Zahnpasta von meinen Mundwinkeln rubbelte, bevor ich im Kindergarten verschwand. 


Mama mochte frühmorgens nicht aufstehen. „Nachteulen benötigen viel Schlaf, mein Kind“. War ich mittags zu Hause, öffnete sie im speckigen Morgenmantel, mit einer glimmenden Zigarette im Mundwinkel eine Büchse Ravioli und wärmte den Inhalt auf. Sie sass am Küchentisch, gähnte und schaute mir beim Essen zu. Meistens aber ass ich bei Grossmama, weil Nachteulen, auch bis zwölf Uhr mittags schlafen können. Und da Eulen in der Dunkelheit ausfliegen, um ihre Beute zu fangen, schlief ich hauptsächlich auf dem Klappbett in Grossmamas Abstellkammer. War Grosspapa auf Reisen, durfte ich zu ihr unter die Federbettdecke schlüpfen. Manchmal träumte ich von Mama. Ihr Kopf sass auf einem Eulenkörper, im Schnabel trug sie eine blutüberströmte Maus mit meinen Gesichtszügen. Dann weinte ich so heftig, dass Grossmama in das Kämmerlein eilte. Mir über den Rücken streichelte und sch..., sch... alles wird gut, zuflüsterte.


Mama blieb neben dem Grab stehen. Mit einem Wums stellte sie die Giesskanne ab. Wasser schwappte über. Grossmama blickte zu ihr hoch, müde fragte sie: „Du warst nie Unkraut zupfen als ich in der Kur war?“ Mama bückte sich und schaufelte den Unkrauthaufen in einen Jutebeutel, darauf stand in grossen Buchstaben OM SHANTI. „Du weisst doch, dass ich Friedhöfe schrecklich finde.“

Ich schaute auf meine Fussspitze, der Fleck sah aus, als ob mir eine Fee auf den Schuh gepisst hätte. 


Feen sind hinterhältig. 


Grossmama bückte sich über das Grab, zupfte einige Stechäpfel aus und murmelte „Ach Fränzi, sei doch wenigstens an seinem Grab ehrlich.“ Für einen Moment rutschte das ewige Lächeln aus Mamas Gesicht.


In der Ferne war das Heulen eines Rasenmähers zu hören.


Langsam stand Grossmama auf, klopfte sich die Erde vom schwarzen Glockenrock. Die Erdpartikelchen bröselten zu Boden. Sie stützte ihre Hände ins Kreuz und streckte seufzend den Rücken durch. Dann bückte sie sich und fischte einen Stofflappen aus einem roten Plastikeimer. Genau aus dem Kübel, den mir Grosspapa zu meinem sechsten Geburtstag geschenkt hatte. Er brachte mir den Eimer von einer seiner Schiffsreisen mit und alle Freunde beneideten mich darum. Heute war der aufgedruckte Calimero verblasst. Der Schnabel hässlich abgeschabt. Damals, an meinem Geburtstag füllte Grosspapa den Plastikeimer bis oben mit bunten Marzipanfrüchten. Mama schimpfte, davon würde ich nur fett werden, er solle doch lieber mit mir in den Zoo gehen. Sie kippte den Inhalt mit einem Schwung in den Mülleimer.


Von da an unternahm Grosspapa mit mir immer mal wieder Ausflüge in den Zoo. „Das kann ich nur machen, wenn ich genügend Zaster habe.“, meinte er zu mir und trug mich schnaufend auf den Schultern durch den Zoo, bis seine Lunge rasselten. Erst später erfuhr ich von Grossmama, dass er dafür auf die Windhunderennen verzichtete, die er sich so gerne von der Tribüne aus anschaute.


Mit Mama war ich bis heute nicht im Zoo.


„Soll ich an Papas Grab sagen, dass er mein Leben verpfuschte, weil er nie zu Hause war? Ich wegen ihm immer beschissene Beziehungen habe? Und nenn mich nicht Fränzi, ich hasse diesen Namen. Ich heisse Yamuna das weisst du doch.“ Ihre Stimme frass sich wie eine Kreissäge in meinen Gehörgang. Sie boxte das Unkraut in den Beutel. Ich grub meine Fingernägel in die verdorrten Stiele der Nelken, sie knackten.


Grossmama wrang den Lappen aus und begann den Grabstein zu säubern. Ohne sich umzudrehen sprach sie „Meistens sagen wir anderen das, was wir selbst hören müssten.“


Ich schaute auf Grossmamas Rücken, der sich beim Putzen hin und her bewegte, wie ein in die Jahre gekommener Scheibenwischer. Mama tupfte sich mit dem Saum ihrer Tunika Tränen aus den Augenwinkeln. Sie schloss ihre Augen und summte ein Mantra. Wog ihren Oberkörper vor und zurück. 


Feen können auch verdammt lächerlich sein.


Der Strauss Nelken glitt zu Boden. Ich hob meine Hand und zielte mit dem Zeigefinger auf Mamas Stirn, das wollte ich schon lange machen.


Alle Feen ausrotten.


Mit geschlossenen Augen hob Mama die Hände und legte sie in Gebetshaltung an die Stirn. Tränen nässten ihre Wangen, der monotone Sprechgesang schwoll an und ergoss sich in ein Strudel von Wehgeschrei.


Grossmama drehte sich um. Rasch liess ich den Arm senken. Sie blickte mich an. „Verzeihen bedeutet Freiheit, mein Schatz.“

Nach oben

Blutrot. Der Gipfel flammt. In der Morgenglut. Ich will nach oben. Ohne Gepäck. Nur ich. Mühselig. Der Aufstieg. Schweiss. In meinem Nacken. Schweiss. Auf meiner Stirn. Schweiss. Unter den Achseln. Ich bleibe. Stehen. Will umkehren. Blicke nach oben. Blutrot. Blicke nach vorne. Grau. Der Pfad. Schmal. Blicke nach hinten. Nebelschleier. Das Dorf. Eingebettet im Schlaf. Will nicht zurück. Will nach oben. Blutrot. Koste das Abenteuer. Das Leben. Auf meiner Zunge. Mal sauer. Der nächste Schritt. Mal bitter. Der nächste Schritt. Mal salzig. Der nächste Schritt. Mal scharf. Dann wieder süss. Süss wie Erdbeeren. Blutrot. Will nach oben. Der Wind zieht an meinen Haaren. Eingetrockneter Schweiss. Vorsichtig. Einen Fuss vor den Anderen. Steine schlagen auf. Dumpf. Abgrund. Nichts ist mehr sicher. Die Kälte schleicht. In meine Knochen. Habe Angst. Angst vor dem Fallen. Angst vor dem Versagen. Kann nicht mehr zurück. Will nach oben. Blutrot. Die Felswand. Schroff. Ich klettere. Nach oben. Blut an den Knöchel. Erlahme. Tränen auf meinen Wangen. Über mir. Ein Adler. Segelt. Ungebunden. Will nach oben. Blutrot. Klettere weiter. Nach oben. Ohne zurück zu blicken. Alleine. Ich bin. Ganz. Oben. Ich bin. Vollendet. Für immer.


Arno's Austern

Abends

angelte

Arno

am

Anfang

an

allen

Ausgängen

acht

Austern.

 

Arglistig

achteten

Adeles

Augen

akkurat

auf

Arnos

alten

Affenpinscher Adalbert,

aufgrund

Adalbert's

ausgeprägtem

Animo

an

ausgezeichnet

aromatischen

Austern.

 

Als

Adalbert

anfing

artikuliert

aufzufallen,

änderte

Adele's

Auffassung

angesichts

anderen

Anwesenden.

 

Augenblicklich

animierte

Adele

Adalbert

alle

acht

Austern

aufzufressen.

 

Ärgerlich

atmete

Arno

aus.

Achtbare

Angler

analysieren

Abgänge

aller

Austern

als

absoluten

Aderlass.


Herbstfäden

E
Ein
Weg
über den
raschelnden
gelben Waldboden
Elena füttert die Enten
Pilzmoder streift den Atem
beim Teich mit den Rottannen
silberner Kometenschweif zitternd
Drachen wirbeln über den Wolken
Unter der Brise ächzen kahle Äste
beim Teich mit den Rottannen
der Sommer existiert gestern
milde streichelt die Sonne
Elenas nackte Ohren
ein Lüftlein wirbelt
rote Blätter
über den
Weg
Ein
E


Luise und Max

Teil 1:

Der Heiratsantrag - im Supermarkt. Neben der Knollensellerie. Schweigen zwischen Essiggurken und Sauerkirschen. Schweigen neben der Tiefkühltruhe mit gefrorenen Suppenhühnern. Durchsage: „Toilettenpapier in Aktion“. Schweigen beim Abfüllen der Dörraprikosen. Schweigen beim Anstehen an der Kasse. Bip, Bip, Bip. Lächeln beim Bezahlen. Ein Annähern im Lift. Ein Abrücken im Lift. Zu Boden schauen. Schweigen im Parkhaus. Schweigen beim Beladen des Kofferraums. Das Jawort neben der Einkaufswagenschlange. Weinen hinter dem Lenkrad.



Teil 2:

Die Geburt - im Brautkleid. Ein Stöhnen beim Anschneiden der Hochzeitstorte. Das Kichern der Gäste. Ein Aufschrei. Augen aufreissen. Tortenmesser gleitet aus der Hand, fällt zu Boden. Ein Scheppern. Das Tuscheln der Gäste. Ein Versuch, in die Arme zu schliessen. Zorniges Aufheulen, zersplittertes Glas. Jammern. In die Hocke gehen. Stöhnen. Das gepresste Atmen, raschelnder Taft. Ein Schnattern der Gäste. Hecheln. Ein langgezogener Schrei. Pressen neben der Hochzeitsband. Fruchtwasser auf dem Smoking. Blutsprenkel im Brautschleier. Der erste Schrei. Stürmisches Applaudieren.



Teil 3:

Der Tod - in einer Barke. Du und ich. Dunstige Abenddämmerung. Das Schmatzen der Wellen. Ein Schaukeln der Gefühle. Odeur von Algen und Fisch. Wir liegen. Gebettet auf rotem Samt. Mit schmerzenden Gliedern. Ein Bildnis von der Zeit geformt. Die steifen Finger ineinander verschlungen. Kamillen im grauen Haar. Ein Kleid aus Crêpe de Chine. Der Anzug, massgeschneidert. Wangen, frisch rasiert. Ein Hauch von Kölnisch Wasser. Seufzen. Das Schliessen der Augen. Zephyrs Hand streichelt die Wogen. Ein letzter würziger Atemzug. Die glucksende See. Das Schreien der Möwen.


Die neue Welt

Glaube
Glaube und Gott


Medizin
Medizin und Wissen


Glaube und Medizin und Wissen und
die Geburt einer neuen Religion



Heut' weiss ich

Heut' weiss ich,
es wird sich alles wandeln.
Wir werden weiser handeln,
es gibt kein dich und mich.


Diffuse Pein, schier ewiglich,
das Glück mit Hohn verschandeln.
Heut' weiss ich,
es wird sich alles wandeln.


Du sagst: Ich liebe dich!
Marode Formen, zart verwandeln.
Verlorne Träume, leis’ einsammeln.
Ich sag: Dann küsse mich!
Heut' weiss ich.


Peri Margan

Am 11.10.2005 sah ich Peri Margan das erste Mal.

Sie plumpste vor meine Füsse.


Am 12.10.2005 sah ich Peri Margan das letzte Mal.

Zitternd verblasste ihre Reflexion.


 

Die Durchschnittsmenge von Zahlenkombinationen definiere ich als Realität. Als meine Realität. Mein Nervensystem findet Gefallen daran, Objekten und Subjekten eine Zahl zuzuweisen. Es geschieht nebenher. Genau wie der Beilagensalat, in einem Restaurant, der mit dem Menü ungefragt serviert wird. Mich beschäftigt meine Zahlen-Resonanz nicht mehr. So wie es mich nicht mehr beschäftigt, weshalb die Menschheit, eine zum Hinknien brillante Spezies, achtzig Prozent der Lebenszeit in Verurteilungen und Rechthaberei verstrickt ist und dabei konsumierend im Kosmos vor sich hindümpelt. Mich eingeschlossen.


Zahlen sind meine Freunde. Deshalb kann ich sie auch nach zehn Jahren abrufen. In Höchstgeschwindigkeit, als wäre ich ein neu aufgesetzter Computer.


Der, nach Polyester-Schweiss riechende, Bus-Chauffeur mit Backenbart und Hornbrille ist eine 3'759. Ein verregneter Tag mit durchnässten Gummistiefeln und Regenschirm, der windbedingt, nach aussen klappt, eine 191. Warme Quitten mit Haselnüssen überbacken und Honig gesüsst gehören zur 6.


Eine 1, die Quersumme vom 11.10.2005, ist Peri Margan. Kurzer Blitzregen im Reptiliengehirn, dann klebrige Neugier die man, wie Zuckerwatte, nicht von den Fingern losbekommt.


Ich war auf dem Nachhauseweg. Der Herbst malte mit einem schwarz gefärbten Pinsel Schattierungen von bewegten und in sich ruhenden Elementen auf meine Netzhaut. Auf dem Asphalt lag ausgebreitet der Sternenhimmel in Regenpfützen. Mein Atem vermengte sich mit den Auspuffgasen, dabei braute ich im Geiste aus John‘s Gesprächsbrocken und meinen Erinnerungsbildern ein schales Abschiedsgetränk zusammen. 


John hat mit mir Schluss gemacht.

Am 11.10.2005.


Ich habe mit John Schluss gemacht.

Bereits vor Monaten. In Gedanken, jeden Morgen. Sobald ich die Augen aufschlug und ihn schnarchend neben mir liegen sah.


Wir trafen uns beim Türken um die Ecke. John schob mir seinen Kaktus über die Tischplatte zu. Der passe sowieso besser zu mir. Ich solle ihn doch behalten und gut pflegen, meinte er, dabei schaute er an mir vorbei und rief nach der Rechnung. Trockene Wangen. Ausgewaschene Dramatik zweier Buchhalter. Nur eine unterkühlte 33 die mir im Kern dennoch ein Gefühl von Freude auf den Abend bescherte.


Ich freute mich auf ein warmes Fussbad. Freute mich auf einen Toast Hawaii mit Ananas-Scheiben aus der Dose, die den Boden schön durchweichten, dazu ein temperiertes Bier aus der Mikrowelle und den neuen Sudoku-Block. Alles was John verächtlich als kleinbürgerliche Erquickungen titulierte. Er war wirklich eine Null. Dachte ich, just in diesem Moment schlug etwas auf dem Trottoir auf. Vor meinen Füssen.


Ein roter Apfel, doch kein Apfelbaum grub in der Nähe seine Wurzeln in den Boden. Ich bückte mich, las ihn auf. Die Tram bimmelte vorbei, Fahrradfahrer klingelten Fussgänger aus dem Weg und Autos hupten Fahrradfahrer zur Seite. Ich stand auf dem Gehsteig, in den sandsteinfarbene Backsteinhäuser betoniert wurden, dazwischen Dornenhecken, deren Blätter vom Smog braun verfärbt waren.


Mein Blick kletterte die Fassade vor mir hoch. Jedes Fenster geschmückt mit gehäkelten Gardinen. Nicht das Fenster im Erdgeschoss. Es zeigte sich nackt und hell erleuchtet. Hinter der Scheibe eine Frau. Sie hielt einen Pappkarton hoch, darauf stand mit runden Buchstaben geschrieben:


„Du fürchtest Dich nur vor dem, was Du nicht verstehst.“


Sie blickte mir direkt in die Augen. Ich schaute nach hinten, um sicherzugehen, dass dort niemand stand. Dann lief ich eilig davon. Den Blick auf den Boden geheftet. In den Manteltaschen die Hände vergraben. Mit der rechten Hand umschloss ich den Apfel, krampfhaft. Meine Füsse trugen mich flink über den Asphalt. Zu Hause wusch ich den Apfel mit kräftigem Reiben unter heissem Wasser. Dennoch getraute ich mich nicht, mit meinen Zähnen in das Fruchtfleisch einzudringen. Vielleicht war er ja vergiftet?


Der Abend wollte nicht so werden, wie ich ihn mir ausgerechnet hatte. Immer wieder erschien mir die Frau. In meinem Fussbad, auf dem Sudoku-Block, zwischen den Toast Hawaii Scheiben. Überall zwinkerte sie mir zu. Mich irritierte nicht ihr tannengrünes Haar. Mich irritierten auch nicht ihre violetten Hände. Mein Gehirn konnte sie nicht klassifizieren. Sie war das erste zahlenlose Wesen, das mir je begegnet war. Als wäre die Erde bebend, von Fluten überschwemmt und unbekannten Viren befallen. Meine Orientierung, mein Verständnis von klaren Normen wurden weg gehaucht und verteilten sich wie Flugsamen in alle Himmelsrichtungen.


Dieser Zustand bereitete mir Angst.


Die Zahlen waren wieder da – am nächsten Tag.


Nach der Arbeit stand ich eine Stunde neben der Dornenhecke und blickte zum Fenster hoch. Der Wind blies mir in den Kragen und ich rieb meine klammen Hände aneinander, da ich die Handschuhe zu Hause vergessen hatte.


Das Licht ging an. Von links gleitete die Frau zur Fenstermitte. Es erinnerte mich an die Theaterabende, wenn die Kulissen auf die Bühne geschoben wurden. Ihr Haar leuchtete königsblau. Ihre Hände gelb. Wieder hielt sie einen Pappkarton hoch, darauf stand:


„Meine Lieblingshaltung ist: Ich weiss es nicht.“


Sie winkte mir zu. Ich solle näher kommen. Wie ein Fluglotse wedelte sie mit einem neuen Pappkarton. „Klingle bei Peri Margan!“ 


Ich klingelte bei Peri Margan. Ihre Wohnung war leer und roch nach Putzessig. Nur vollgeschriebene Pappkartons lagen haufenweise auf dem Parkettboden. Eine nackte Glühbirne schaukelte hin und her, als stosse sie ein Lüftchen an. Die Fenster waren geschlossen. Peri Margan sass in einem Rollstuhl. Sie fasste mit den Händen kräftig in die Räder und rollte auf mich zu. Die gelbe Farbe an ihren Fingern bröckelte. Rieselte zu Boden. Ein Farbtopf mit gelber Farbe stand auf dem Fenstersims. Ihr Haar schillerte in unendlichen Blautönen, als trüge sie eine Meereswoge auf dem Kopf. Von Nahem sah ich, dass es eine Perücke war. 


Sie schaute zu mir hoch. Auf ihrem Schoss lag ein Notizblock, kritzelnd bewegte sich der Kugelschreiber über das Papier. Peri riss das Blatt ab und streckte es zu mir hoch:


„Sich mit der Wirklichkeit anzulegen fühlt sich an, als ob man einem Hund das Miauen beibringen möchte – aussichtslos.“


Dann fasste sie in ihre Rocktasche und holte einen Kaki hervor, sie biss hinein, der Saft lief ihr über das Kinn, den Hals entlang, verschwand in ihrem Ausschnitt.


Peri kaute mit offenem Mund. Schmatzlaute als wäre sie ein Igel. Auf ihrer Oberlippe lag ein Flaum von dunklen Härchen. Als sie fertig war, wischte sie sich den Mund mit dem Ärmel ab und ihre Hände am geblümten Rock. Wie eine emsige Schülerin beugte sie sich über den Notizblock und schrieb etwas auf. Mit einem Ritsch riss sie das Papier vom Block und zeigte es mir. Sie lächelte mich an, dabei sah ich, dass ihr ein Backenzahn fehlte. Ich bückte mich, roch den süsslichen Duft von Kaki und eine salzige, nussige Note. Ich las:


„Wenn Du wüsstest was gut für Dich ist, was würdest Du tun?“


In meinem Bauch rumorte es, als hätte ich kübelweise Bohnen gegessen. Mit geneigtem Kopf flüsterte ich: „Ich will nach Hause gehen.“


Peri sackte in sich zusammen, aus ihren Augen erlosch das Strahlen, als hätte jemand eine zwanzigtausend Watt-Birne gegen eine zwei Watt-Birne ausgewechselt. Ich konnte nicht mehr hinschauen. Rannte. Schnell. Weg von Peri Margan und dem zahlenlosen Raum. Draussen sog ich die kühle Herbstluft tief durch die Nase ein.


Der Abend war eine mysteriöse 7– die Zahlen zeigten sich mir wieder.


Die nächsten Tage mied ich das Backsteinhaus. Auf meinem neuen Nachhauseweg entdeckte ich ein Instrumentengeschäft. Prominent im Schaufenster, gebettet auf rotem Samt, wurde eine Posaune von allen Seiten ausgeleuchtet. Ich hauchte an die Schaufensterscheibe und malte ein Herz. Mein erster Musiklehrer in der Grundschule behauptete, ich wäre sehr musikalisch, er wolle mich fördern. Mein Papa klopfte mir begeistert auf die Schulter, das Geld reichte aber nur für eine gebrauchte Blockflöte aus Plastik. Die Flöte verschwand schon bald auf dem Dachboden – meine Schulkameraden kicherten hinter vorgehaltener Hand, sobald ich hinein blies. Dem freiwilligen Musikunterricht blieb ich von da an fern. 


Ich ging in den Laden und kam mit einem Posaunenkoffer hinaus. 


Meine Gedanken wanderten immer wieder zu Peri Margan. Ich nahm mir vor, sie am nächsten Tag zu besuchen. Wollte sie fragen, ob sie mir die Wirklichkeit erklären könne? Ich hätte nachgedacht, über die Wirklichkeit, über das Leben. Sehe ich das Leben nicht nur durch den Filter meiner eigenen Geschichten? Ist das die Realität? Auf dem Markt kaufte ich drei satt-orangene Kakis ein. In der Nacht schlief ich das erste Mal, seit dem 11. Oktober traumlos durch.


Kaum stempelte ich bei der Arbeit aus, rannte ich schon zu Peri's Backsteinhaus. Ausser Atem stand ich bei den Namensschildern und sah, dass ihres entfernt worden war. Eine ältere Dame mit einem schwänzelnden Rauhaardackel an der Leine kam aus dem Haus. Ich fragte sie nach Peri Margan.


„Peri Margan? Ich kenne keine Peri Margan.“ Sie blickte mich mit hochgezogenen Augenbrauen an, der Dackel schnüffelte an meinem Hosenbein. „Die Wohnung im Parterre steht schon seit Monaten leer!“ 


Ich lief nach Hause. Die Stofftasche, mit den Kakis, schlackerte im Rhythmus der Schritte an den Oberschenkel. Peri Margans Reflexion, spiegelnd in meinen Neuronen brach langsam weg, splitterte auf und verteilte sich im Universum. Zurück blieb die Frage: „Hört das Leiden auf, sobald wir anerkennen, dass wir unwissend sind?“

Kammerflimmern

Fern von hier, auf einer Insel, umgeben von kristallklarem Wasser, reiner Luft und üppigen Wäldern, regierte ein König über sein Reich.


Er residierte in einem Schloss, nicht grösser als eine Walnuss. In der absoluten Tiefe des Palastes, dort wo die Sonne mit ihren Strahlen nicht mehr hinlangen konnte, befanden sich zwei Kammern. Hinter den verschlossenen Stahltüren fristeten die Gefühle ihr Dasein. Vor langer Zeit wurden diese von den Ureinwohnern mit Schmetterlingsnetzen gefangen und eingesperrt. In der rechten Kammer lebten die Gier, der Neid, die Scham, die Wut und die Angst. In der Linken die Freude, das Vertrauen, die Liebe, die Dankbarkeit und das Mitgefühl.


Von Generation zu Generation überlieferte man, dass die Gefühle sündhaft seien, daher war niemand daran interessiert die Gefangenen frei zu lassen. Der König trug die Gefängnisschlüssel an einem roten Seidenband um den Hals, sogar während er schlief.


Die Tage der Inselbewohner verstrichen ohne Auf und Ab, und waren so fad wie eine ungewürzte Suppe. Niemand fragte sich: Ist das gut oder schlecht? Es war einfach so.


An einem Frühlingstag verkündete der Minister dem König, er wolle in ferne Länder reisen, um Ackerbau zu erlernen. Der König willigte ein.


Als er nach einem Jahr zurückkehrte, erkannte man ihn kaum wieder. Er trug edle Stoffe und an seinen Fingern funkelten Steine. Alle bewunderten ihn, selbst der König.


Um Mitternacht aber, schlich der Minister in den Palast. Treppauf in des Königs Schlafgemach, treppab in das Verlies, hinein in die rechte Kammer. Die dunklen Gefühle sollten ihm zum Thron verhelfen.


In jener Nacht legte sich ein feiner, schwarzer Staub über die Insel, der auch mit dem stärksten Wind nicht davon wehen wollte. Die Einwohner verstrickten sich in Rechthaberei, Streit und Gier. Die Gewalt hielt alle in festen Händen. Vor Angst wagte sich der König nicht mehr aus seinem Turmzimmer.


Alsbald packte der Minister seinen Koffer und wanderte für immer aus. Ja, sogar er fürchtete sich vor den Gefühlen, die er nicht mehr kontrollieren konnte.


Eines Tages spielte Elsa, die Tochter einer Muschelsammlerin, vor dem Schloss Fussball. Sie übte, Elfmeter schiessen, dabei zertrümmerte sie versehentlich ein


Kellerfenster. Leise schlüpfte sie in den Prachtbau, um den Ball zu suchen, dabei entdeckte sie die offene, rechte Kammer.


Sobald der Mond aufging, schlich Elsa in den Palast. Treppauf in des Königs Schlafgemach, treppab und hinein in die linke Kammer.


Aus der Kammer floss pures Licht, dass die Insel mit einem, von Auge nicht sichtbaren, goldenen Schimmer überzog, der sich mit dem schwarzen Staub gleichmässig vermischte.


Von da an lernten die Inselbewohner, mit ihren Schatten- und Sonnenseiten zu leben.


Klopfte ein Gefühl an die Tür, einerlei ob in ein helles oder dunkles Gewand gehüllt - sie gewährten ihm Einlass. Schauten es an, sprachen mit ihm und liessen es wieder ziehen.


Frieden kehrte ein und ihr Leben schmeckte intensiv, als sei es mit einer Prise fünf Gewürze Pulver verfeinert. 

Sie ist bereit

Sie ist bereit,
zu sterben.
In tausend kleine Scherben,
weil alles in ihr schreit.

Verlogen ist die Zeit,
dort hinter all den Bergen.
Sie ist bereit,
zu sterben.

Da fällt ihr altes Kleid.
Nichts will sie mehr verbergen.
Trutzt kühn den eignen Schergen.
Sie schwor sich diesen Eid.
Sie war bereit,
zu sterben.

Wandlerin der Zeit

Wie
Atem
Nur
Diffuser
Liegt
Eine
Ruhe
Im
Nebel der
Dunkelheit
Erst die
Reife führt
Zum
Eintritt
Ins erhellende
Tor

Lichtende Dämmerung

Der Duft nach frischem Waldboden.
Bergkristall im krossen Licht.
Stetig tickt die Uhr.
Im Takt elektrisierender Herzen.
Wir stehen.
Mit beiden Füssen auf der Schwelle.
Dort, ein Umhang aus Äther.
Durchwoben vom Schein des blauen Mondsterns.
Wir gehen.